FELDENKREIS_F1_001 | Bauhausserie / Bauhaus Dancing; Foto: Carola Dertnig
Symphony in Nylon – all in all lifelong red tights
von Carola Dertnig
Kuratiert von Felicitas Thun-Hohenstein und section.a
Mehr als siebzig Strumpfhosen hängen an Ästen im Wald von Maiernigg bis zum Boden herab. Rot, Pink und Orange ziehen Linien zwischen den Stämmen, streifen den Waldboden, fangen Licht ein, lenken den Blick und verlangsamen den Schritt. So entsteht ein Parcours aus Farbe, Berührung und Bewegung.
Für die Künstlerin Carola Dertnig ist die Strumpfhose weit mehr als bloßes Material: Sie ist Spur, zweite Haut, räumliche Linie und Trägerin von Erinnerung. Bereits in der Slapstick-Serie Strangers erschien sie als hinterhergezogene Spur im öffentlichen Raum – komisch, prekär und entblößend zugleich. Die Ordnung des Alltäglichen gerät ins Rutschen. In all in all lifelong red tights kehrt die Strumpfhose als dehnbares Nylon wieder: elastisch, körpernah, weich und doch widerständig, vom Körper gelöst und dennoch von ihm geprägt.
In Maiernigg setzt sich diese künstlerische Praxis im Wald fort. Das Nylon reagiert sensibel auf Wind, Nähe und Berührung. Es markiert Wege, verschiebt Übergänge und verdichtet den Wald zu einer Situation, die sich erst im Durchqueren ganz entfaltet. Improvisation wird hier zur künstlerischen Co-Produzentin im Zusammenspiel von Künstlerin, Material, Umgebung und Besucher*innen.
Ein zentraler Aspekt dieser Arbeit ist die Bedeutung der Strumpfhose im historischen Kontext der Kriegsprostitution. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs dienten Militärbordelle der „sexuellen Entspannung“ der Soldaten. Historische Anweisungen regelten dabei nicht nur die Organisation der Sexarbeit, sondern auch die hierarchische Trennung. Offiziere hatten Zugang zu exklusiveren Einrichtungen und „besser“ eingestuften Frauen, deren Status durch hochwertige Strumpfhosen aus Nylon oder Seide markiert wurde. Einfache Soldaten wurden Frauen zugewiesen, die lediglich beige oder orangefarbene Strumpfhosen aus grober Baumwolle trugen. Körper wurden kategorisiert, bewertet, verfügbar gemacht und in eine Struktur sexualisierter und militärischer Gewalt eingepasst.
Dertnig setzt dieser Geschichte der Gewalt eine bewusste Verschiebung des Materials entgegen. Ihre Nylonstrümpfe brechen mit den alten Farbcodes und fordern in Rot, Pink und Orange Sichtbarkeit und Widerstand ein. Die dehnbare, verletzliche Materialität macht Improvisation als „prekäre Praxis“ erfahrbar – als ein Reagieren auf Wind, Berührung, Nähe und Zufall. So wird die Strumpfhose im Wald zur Spur einer anderen Ordnung, die sich in den Raum und das Gedächtnis einschreibt und Widerstand körperlich spürbar macht.
11. Juli – 31. Oktober 2026
Carola Dertnig
Symphony in Nylon – all in all lifelong red tights, 2026
Installation, Strumpfhosen, Länge: 8 bis 15 Meter, 20 DEN
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Kompositionsauftrag
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Das Herzstück unserer Partnerschaft mit der Gustav Mahler Privatuniversität für Musik schlägt auch 2026 weiter: Dank der großzügigen Unterstützung der KELAG geben wir jungen Talenten, die gehört werden wollen, eine Bühne. In diesem Jahr freuen wir uns auf Marco Sau, einen vielversprechenden Komponisten aus der Klasse von Univ.-Prof. Dr. Hakan Ulus.
Im Jahr 2026 verbindet der Kompositionsauftrag die drei Länder Italien, Österreich und Slowenien zu einem besonderen künstlerischen Austausch. Als Bühne fungiert das Mahler Forum in Klagenfurt, wo die Uraufführung eines neuen Werkes des italienischen Komponisten Marco Sau stattfindet. Die inhaltliche Grundlage für sein musikalisches Werk bildet der literarische Text Engel der Improvisation der slowenischen Schriftstellerin Tamara Štajner.
Die Autorin und Bratschistin wurde beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2024 mit dem renommierten KELAG-Preis ausgezeichnet und in Kooperation mit dem → Jahr der Literatur – Leto literature, Kärnten/Koroška 2026 eingeladen, einen Text zu verfassen, der als Ausgangspunkt für die neue Komposition dient.
Die Uraufführung dieses grenzüberschreitenden Projekts findet am 10. Juli 2026 im Rahmen des Mahler Forums unter der Leitung der slowenischen Dirigentin Alja Klemenc statt. Im Jahr 2022 gründete sie den Alma Mahler Musikverein und das gleichnamige Ensemble (bestehend aus Studierenden und Absolvent*innen der GMPU), das sich mit experimentellen Zugängen und zeitgenössischen Formaten der Aufführung klassischer und zeitgenössischer Musik verschrieben hat. Der Alma Mahler Musikverein ist bemüht, das Vermächtnis der begabten Musikerin fortzuführen, indem er innovative und pädagogische Projekte ins Leben ruft, die Malerei, Literatur und Architektur mit Musik verbinden.
Mit seinen eigenen Worten beschreibt der Komponist Marco Sau sein Werk folgendermaßen:
Soeben hat ein Ritual begonnen.
Du befindest dich in einer neuen Dimension.
Du wirst davongetragen, eingehüllt von Tönen.
Du verlierst dich darin.
Music, Musik, Musica.
Was ist komponiert? Was ist improvisiert?
Eine kurze Reise durch Zustände des Seins.
Eine kurze Reise durch Zustände des Geistes.
Ich hoffe, etwas hat sich verändert, weil das Ritual soeben zu Ende ist.
Uno Stravagante Rituale, (2026)
Eine Komposition von Marco Sau für zwei Stimmen (Sopran und Tenor), Sprecher*in und Ensemble (Flöte, Klarinette, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Violine, Viola, Cello und Live-Elektronik) nach dem Text Engel der Improvisation von Tamara Štajner.
Dauer: ca. 9 Minuten
Besetzung:
Alja Klemenc (Leitung), Tamara Štajner (Sprecherin), Sara Lešnik (Sopran), Mihael Strniša (Tenor), Alenka Erzen (Flöte), Alexandr Kleshchenko (Klarinette), Petar Hegeduš (Trompete), David Miljančič (Posaune), Alma Portič (Violine), Zsófia Szöllösi (Viola), Melina Karampali (Cello), Stefan Traninger (Schlagzeug), Marco Sau (Live-Elektronik).